Macht im Netz – vom Cybermobbing bis zum Überwachungsstaat

Was ist Macht? Wie sieht die Macht im Netz aus? Und vor allem: Verändert das Netz die Macht? Diesen Leitfragen geht der Herausgeber Philipp Wampfler im kleinen, blauen Büchlein «Macht im Netz» nach. Es sind Texte und Materialien diverser Autoren für den Unterricht, gespickt mit didaktischen Anregungen des Herausgebers.

Getreu seiner Maxime: «Veränderungen der Gesellschaft, welche die digitale Transformation mit sich bringt, müssen von den Betroffenen mitgestaltet werden», ist ein weiteres Buch für die Unterrichtsgestaltung des «digitalen Deutschlehrers» erschienen.

Philipp Wampfler führt zuerst kurz in das Thema «Macht im Netz» ein – dieser Teil ist vor allem für die Lehrperson gedacht, um sich auf den Unterricht mit Lernenden der Sek II dazu vorzubereiten. Danach folgen die eigentlichen, im Unterricht zu vertiefenden, Kapitel, nämlich: Kommunikation, Politik und Gesellschaft, Recht, Wissen, Bildung, Wirtschaft. Jedes dieser Kapitel wird mit ein paar Gedanken von Philipp Wampfler eingeleitet und anschliessend mit 4 bis 6 Texten in der Länge von 2-5 Seiten von diversen Autoren dargelegt. Anhand von Leitfragen sollen die Lernenden diese Texte erörtern.

Was ist Macht?
Macht im Netz hat gemäss Analyse von Bourdieu ihren Ursprung «in den unscheinbaren Aspekten des Menschlichen Lebens» – nämlich «Mode, Rituale, Sport oder nonverbale Reaktionen auf menschliches Verhalten können Ausdruck von Macht sein.» Latour ist der Ansicht, es gäbe auch eine technische Komponente, die aus Gewohnheiten entstehe und die bestimmte Art und Weise, wie man Gegenstände und Maschine verwende – etwa bei der Kontrolle von Passagieren und Gepäck am Flughafen.» Jedoch müsse Macht nicht etwas Negatives sein – sagte Foucault, sie könne gar produktiv sein. Geht man von dieser Haltung aus, bekommt das Thema Macht fast einen natürlichen Stellenwert in unserer Gesellschaft und die Macht im Netz ist somit nur die Folge von der analogen Realität in der digitalen Welt.

Macht in der Politik aber auch in der Bildung
Im Buch werden die Themen in 6 Bereiche gegliedert, gefolgt von 4-6 Texten diverser Autoren. Jeder Text ist 2-5 Seiten lang. Die Themen sind Kommunikation; Politik und Gesellschaft, Recht, Wissen, Bildung, Wirtschaft. Die einzelnen Texte habe ich in einem separaten Dokument als Abstract zusammengefasst.

Didaktische Anregungen
Denn: geht es um Digitales und Didaktik, folgen Begriffe wie «Kompetenz» oder Konzepte wie «4K». Als Lehrperson ist man dieser Theorien vielleicht bereits überdrüssig, dem Werk gelingt es jedoch, stets neue Inputs zu geben oder an Modellen wie bspw. den Kompetenzbegriff der OECD als Zopfmodell zu veranschaulichen resp. in Erinnerung zu rufen. So werden diverse «Didaktiken» sofort mit dem Lernen, Arbeiten und Handeln in einer digital geprägten Welt verwoben.

Bereits nach dem ersten Fünftel der Lektüre wird klar, dass «Macht im Netz» eine Anleitung fürs Projektlernen ist. Wampfler stützt sich dabei auf den Grundsatz von Lisa Rosa (Lernen 2.0 – Projektlernen mit Lehrenden im Zeitalter von Scial Media, 2013, S. 245), dass «Projektlernen die ideale Lernform für das 21. Jahrhundert sei, weil die enormen Datenmengen im Netz erst durch die Interpretation und Anwendung einer Person zu sinnvollem Wissen» werden (S. 31).

Pflichtlextüre – nicht nur für Lehrpersonen!
Die Texte sind anspruchsvoll und eine Bearbeitung im Unterricht wahrscheinlich einem literaturgeübten Publikum auf Niveau Matura / Berufsmaturität zuzumuten. Für die Lehrerweiterbildung auf jeden Fall geeignet – für ewig kritische Stänkerer und Digitalisierungsverweigerer genauso wie für naive Euphoriker.

Besonders angesprochen hat mich die direkte Sprache von Philipp Wampfler – dem ich seit mehreren Jahren auf diversen Kanälen der sozialen Medien folge und im November 2019 erstmals live erlebt habe. Dieses blaue Büchlein von Reclam umfasst zwar «nur» 148 Seiten, aber jeder Satz ist so gehaltvoll, relevant und faktenreich, dass eine Zusammenfassung überaus schwierig ist. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn kaum je etwas gelesen, das ich als so wertvoll und wichtig empfand. Fast jedem Satz konnte ich mit Überzeugung zustimmen, die Lektüre ist inspirierend, öffnet Türen für Lehrerfortbildung und beinhaltet Tipps für die didaktische Auseinandersetzung und die «…Einsicht, dass sich Lernende mit Fragen der Digitalisierung direkt im Netz beschäftigen sollten. Nicht nur deshalb, weil sie dadurch die Chance erhalten, im Netz konstruktiv zu arbeiten, sondern auch aus der medienpädagogischen Einsicht, dass ein kompetenter Umgang mit Medien neben Medienwissen und Medienreflexion Handeln mit Medien erfordert… Lernende sich Kompetenzen selbst aneignen, diese also nicht vermittelt werden» können (S. 28).

Ausserdem fordert Wampfler ausdrücklich, dass «Lehrpersonen attraktive und anspruchsvolle Lern­umgebungen für Schülerinnen und Schüler gestalten» sollen. Sein Votum für digitale Projektarbeit sei keine Abwertung von Lehrkräften, sondern ein Wandel zu einem anspruchsvolleren Expertentum: «Sie (die Lehrpersonen) sind Fachkräfte für das Design von Lernumgebungen und Expertinnen bzw. Experten in der Kunst und Wissenschaft des Unterrichtens» (S. 32). Damit dies gelingen kann, liefert Wampfler – typisch für ihn – Szenarien, Materialien und Texte gleich mit dazu. Und darum dieses Buch.

Auch nach dieser Lektüre und deren intensiver Bearbeitung, bin ich noch nicht «durch» mit dem Inhalt, weil er ausgesprochen anregend und faktenreich ist. Jeder Text macht eine neue Türe auf, lädt zur Auseinandersetzung ein, macht mich neugierig, das Thema zu bearbeiten.

Besonders berührt hat mich jedoch auf S. 122 die Darstellung, dass es ein eigenes Schulfach als Labor der redaktionellen Gesellschaft geben sollte. Ebenfalls gehe ich mit Lisa Rosa «Lernen 2.0» einig: «…ein kultureller Transformationsvorgang. Dabei spielen jetzt die aus dem Netz bekannten Merkmale wie Freiwilligkeit, Selbststeuerung, Offenheit, Personalisierung und Zusammenarbeit eine prominente Rolle, während sie vordem nicht nur kaum Bedeutung hatten, sondern … ausdrücklich ausgeschlossen worden waren. Und statt – wie im Industriezeitalter – des systematischen Buchlernens, des standardisierten Lernens (im Unterrichtetwerden) in bestimmten kurzen Taktungen (Unterrichtsstunden) und an bestimmten Orten (Klassenraum) tritt jetzt zunehmend situiertes ,informelles, non-formales, immersives Lernen und Lernen nach Bedarf in den Vordergrund.» Das entspricht meiner Überzeugung, meiner Haltung als Lehrperson.

Ausserdem: Ich wünsche mir, dass zahlreiche Lehrerkolleg*innen dieses kleine, aber feine Buch lesen und so sich intensiv mit der digitalen Transformation der Welt – und nicht bloss der Schule resp. ihrem Unterricht – aktiv auseinandersetzen. Damit eine Verhaltensänderung möglich ist – im Umgang mit den digitalen Medien, in der Einstellung dazu, in der Unterrichtspraxis.

Dieser Text entstand im Zusammenhang mit meiner Weiterbildung als pädagogische ICT-Supporterin in der Berufsfachschule (CAS PICTS BFS) – Leistungsnachweis im Modul “digitale Medien in der Gesellschaft”. Herzlichen Dank an Aleksandra Tschudy für das Korrektorat!

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